Lernen und (negative) Emotionen

Lernen und (negative) Emotionen

Lernen und (negative) Emotionen

In meiner Tätigkeit als Lehrerin für Pflege war ich immer einer Verfechterin des Leitsatzes „Störungen haben Vorrang“ von Ruth Cohn aus der Themenzentrierten Interaktion.

Warum? Weil Störungen das Lernen behindern. Man kennt es vielleicht von sich selbst, ob Stress mit dem Freund, eine kaputte Waschmaschine, eine belastende familiäre Situation oder auch „nur“ der Stau morgens auf dem Weg zur Arbeit, der einen wertvolle Minuten kostet und im Anschluss dazu führt, dass man ohne Nahrung zu sich zu nehmen durch den Tag hetzt; All das sind Faktoren, die einen Einfluss darauf haben, wie wir die Dinge wahrnehmen und auch darüber entscheiden wie die die Informationen aufgenommen werden.

Denn mit all diesen Ereignissen sind Emotionen verknüpft.  So sind unsere Emotionen auch mit unserem Lernerfolg verknüpft.

Sind wir als Lernende durch oben genannte oder andere negative Emotionen beeinflusst, wird trotz großer Anstrengung kein positiver Lernerfolg zu erzielen sein. Der gewünschte Erfolg bleibt aus. Auch die Kreativität ist stark eingeschränkt, die man aber benötigt um zu Lösungen zu kommen und sich Lerninhalte zu merken. Es besteht eine Blockade beim Aufnehmen neuer Wissensinhalte.  Um das besser zu verstehen:  Dies lässt sich auch physiologisch begründen in der zentralen Stellung der Amygdala innerhalb des limbischen Systems.

 

Theoretischer Hintergrund

Die Amygdala ist der sog. Mandelkern im Kernbereich des Gehirns und ist wesentlich beteiligt an der Bewertung von negativen Gefühlen und der Reaktion auf diese Gefühle. Insbesondere wenn es um Angst- und Aggressionsempfinden geht.

Das Limbische System wird auch als emotionales Machtzentrum des Gehirns bezeichnet. Hier werden Emotionen im Zusammenspiel mit anderen Hirnarealen verarbeitet.

Dann gibt es noch den Hippocampus, der dafür zuständig ist, dass Erinnerungsinhalte vom Kurz-in das Langzeitgedächtnis überführt werden-also einen wichtigen Part übernimmt bei unserem Thema Lernen. Er liegt anatomische direkt bei der Amygdala.

Nach diesem kurzen anatomischen Exkurs um die Zusammenhänge besser zu verstehen, kommen wir zu unseren negativen Emotionen, die demzufolge über die Amygdala zu einer Aufnahmeblockade führen und so verhindert wird, dass neu gelernte Inhalte in das Langzeitgedächtnis überführt werden. Die Stresssituationen/negativen Emotionen lassen weder eine Neuaufnahme noch eine Reproduktion erst vor kurzem gelernter Inhalte zu.

 

Beispiel

Am Beispiel einer Schülerin, die ich dazu vor Augen habe, würde das wie folgt aussehen:

„Sarah ist eine sehr gute und fleißige Altenpflegeschülerin, die sich gelernte Inhalte nach dem Unterricht noch einmal anschaut, eine Lerngruppe in dem Lernfeld besucht, was ihr etwas schwerer fällt und auch in der Praxis ist sie motiviert, fragt nach und wendet theoretisch gelerntes Wissen an.

Sarah wohnt noch im Haus ihrer Eltern und es gab einen größeren Streit, in dem es um die Beteiligung an den Kosten ging. Sie ist der Meinung, mit ihrem Ausbildungsgehalt ist der hohe Anteil, den ihre Eltern fordern nicht machbar und sie hat dann gar nichts mehr für sich. Der Streit ließ sich an dem Abend nicht beilegen und Sarah grübelt nach einer Lösung. Sie hat eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und es belastet sie sehr, dass es so eskaliert ist.

Am nachfolgenden Tag hatte sie im Unterricht, das Legen einer subkutanen Infusion. Die Lehrerin gab erst den theoretischen Input mit Hilfe von Tafel, Flipchart und des Schreibens eines Handlungsablaufes, im Anschluss ging es in den Demoraum. Sie hatte diesen Inhalt also sowohl schriftlich, als auch in einer Gruppenauseinandersetzung in der es um evtl. auftretende Probleme ging, als auch als Zeichnung, die sie von der Tafel abgemalt hatten und eben auch in Form einer praktischen Übung vermittelt bekommen. Es wurden im Unterricht die verschiedenen Lerntypen bedacht und auch unterschiedliche Wahrnehmungskanäle angesprochen. Unter normalen Umständen, wäre es Sarah möglich gewesen das neue Wissen aufzunehmen und abzuspeichern.

Am nächsten Morgen wurde ein unangekündigter Kurztest geschrieben und Sarah saß vor einem völlig leeren Blatt Papier. Völliger Blackout. Dabei hatte sie sich abends die Unterlagen vom Vortag extra nochmal angeschaut.“

Sarah hatte eine Stresserfahrung, die mit negativen Emotionen verknüpft war. (z.B. Angst, Wut)

Die Aufnahme der Lerninhalte war dadurch gehemmt und das Abrufen nicht möglich. Erst wenn die Belastung nachlässt fällt der Stresshormonspiegel ab und die Arbeit von Transmittern und Synapsen wird wieder freier.

Was heißt das nun alles für uns als Lernende?  Wir können Emotionen ja schlecht aus dem Weg gehen. Unser Alltag ist voll mit Situationen die in uns Emotionen auslösen, positive wie auch negative.

Es geht vielmehr eher darum belastenden Situationen so gut es geht aufzuheben und zu einem ausgeglichenen Zustand zurückzufinden (hierfür gibt es eine Menge Tools und Möglichkeiten, die man für sich ausprobieren kann). Hierzu gehört auch, zügig Dinge zu klären die einen Belasten und eine positive Grundhaltung, denn diese erleichtert einem das Lernen ungemein und sichert nachhaltig die Lerninhalte.

Wenn wir dies nun wissen, dann wird uns auch klar, warum die Lernumgebung so einen großen Einfluss auf den Lernerfolg hat. Umgebungsfaktoren bedingen Emotionen. Es ist ein großer Unterschied mit Menschen zu lernen, die einem sympathisch sind, in einer Umgebung, in der man sich wohlfühlt, mit einer gesunden Mahlzeit im Magen die vorangegangen ist, in einem warmen, gut gelüfteten Raum usw.

 

Praxistipp

Es kann sehr hilfreich sein, sich einmal einen Moment Zeit zu nehmen und für sich selbst einmal eine Liste anzufertigen, in welcher sich lernhemmende Emotionen und Situationen befinden wie auch lernfördernde Emotionen und Situationen. In Listenform hat man dann eine direkte Gegenüberstellung und kann so leichter schaffen, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

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