Mundpflege: Das Stiefkind in der Pflege“- Das eigene Handeln hinterfragen

Mundpflege: Das Stiefkind in der Pflege“- Das eigene Handeln hinterfragen

Innerhalb der letzten Jahre, hatte ich einige Erlebnisse zum Thema Mundpflege. Besonders in Heimen, aber auch in der ambulanten Pflege. Auch in Bezug auf die Klassen der Auszubildenden in der Altenpflege und deren Erzählungen zu diesem Thema, wurden meine Beobachtungen immer wieder bestätigt.

Mundpflege:  Das Stiefkind in der Pflege“- Das eigene Handeln hinterfragen

Es gibt auch diverse Studien zu den Themen Mundpflege, Mundhygiene, spezielle Mundpflege in der Alten-und Krankenpflege, die diese Beobachtungen untermauern.

Es ist sowohl ein medizinisch/ pflegerisches Thema als auch ein Ethisches.

Es begann alles, als ich vor einigen Jahren anfing verschiedene Häuser der Altenpflege und deren Auszubildende zu betreuen. Ich hatte quasi Stippvisiten an verschiedenen Ort, um Anleitungen durchzuführen und nebenbei noch den Blick prüfend auf Prozesse und Strukturen der Häuser zu lenken und dementsprechende Rückmeldungen zu geben.

Der Bereich der Mundhygiene und alles was damit zusammenhängt, fiel mir relativ schnell ins Auge. Mitarbeiter der Pflege wussten häufig nicht, wo sich Mund-und Zahnpflegematerialien befinden, wer diese bestellt, ob Angehörige diese mitbringen, oder wie überhaupt dieser Prozess geregelt ist. In den Doppelzimmern, fanden sich in den Bädern häufig nicht zuzuordnendes Material oder eben auch keines.

Mundpflegetabletts für die spezielle Mundpflege, waren teilweise gar nicht oder nur ungenügend vorhanden (ein Tablett für einen ganzen Wohnbereich mit fünf Kugeltupfern und einem Spatel-den die zuständige Kraft häufiger fälschlich als Spachtel bezeichnete).

Zahnprothesen passten häufig nicht mehr, waren defekt, verschmutzt oder verschwunden. Dann gab es daraufhin auch schneller passierte Kost, dies führte zur Appetitlosigkeit und das nächste Problem war kreiert.

Lösungen zum Mund spülen waren sehr häufig auch nicht vorhanden und auch das Wissen darüber, was dazu genutzt werden könnte, war meistens nur partiell vorhanden, meistens bei den Mitarbeitern, die sich näher mit der basalen Stimulation beschäftigt hatten.

Gerade bei Bewohnern die oral keine Nahrung mehr zu sich nehmen, ist die Mundpflege und die spezielle Mundpflege ein primäres Thema.

Durch ein eine mangelnde Mundhygiene und das Austrocknen der Mundschleimhaut bilden sich Borken, zäher Schleim, Verkrustungen, Risse und nicht allzu selten auch ein Soor und andere Infektionen. Aphthen und Rhagaden sind ebenfalls schmerzhafte Begleiter.

Medikamentöse Behandlungen der vorhandenen Grunderkrankungen der Bewohner führen häufig zu einer verminderten Speichelproduktion und dies beschleunigt wiederum das Auftreten von Munderkrankungen.

Es ist wichtig die Mundschleimhaut feucht zu halten, damit der Bewohner einerseits ein angenehmes Mundgefühl hat und Schlucken kann (selbst wenn ein Mensch nicht mehr isst, hat er einen Schluckreflex und dieser ist schmerzhaft bis unmöglich wenn die Mundschleimhaut völlig ausgetrocknet ist) und andererseits sollen Sekundärkrankheiten vermieden werden. Der Soor ist hier als besonders gefährlich zu nennen, denn dieser kann zu einer Pneumonie führen, welche nachgewiesener Maßen, eine der häufigsten Todesursachen in Altenpflegeheimen darstellt.

Soweit müssten wir bei diesen Überlegungen aber gar nicht gehen. Es reicht schon, sich die Lebensqualität der Menschen vor Augen zu führen und sich selbst einmal zu reflektieren. Wie häufig putzen wir uns die Zähne, spülen uns den Mund aus, haben einen „trockenen Mund“ und das Bedürfnis Flüssigkeit zu uns zu nehmen?

Wie häufig, nutzen wir die Möglichkeit eines Kaugummis oder der Wasserflasche? Was ist morgens meist der erste Gang?

Und hier kommt nun unser ethischer Aspekt ins Spiel und die Frage nach den eigenen Werten, die wir mit in unsere Arbeit tragen.

Die Überlegungen dazu sind doch auch, die Frage, wie möchten wir gepflegt werden? Wovor haben wir Angst? Was möchten wir auf keinen Fall?

Was löst die Vorstellung, 24 Stunden mit einer PEG Sonde im Bett zu liegen, ohne eine orale Aufnahme, mit leicht zum Atmen geöffnetem Mund UND ohne eine regelmäßige spezielle Mundpflege zu erhalten, in uns aus?

Auch die Thematiken Mundpflege und Nahrungsaufnahme, und damit auch Gewichtsabnahmen und andere Problematiken sind eng verknüpft. Eine Pflegekraft benötigt eine gute Beobachtungsgabe und muss auch wissen, nach was genau sie schauen muss.

Es gibt einige Hinweise auf sog. Orale Probleme.  Zum Beispiel:

  • „Manipulation im Gesicht (Mundbereich)
  • Ablehnung von Mahlzeiten
  • Nicht- (mehr) tragen der Zahnprothese
  • Herauslaufen von Speichel aus dem Mund
  • Veränderungen der Stimme
  • Ruhelosigkeit
  • Schlafstörungen
  • Ablehnung gewohnter Aktivitäten des täglichen Lebens
  • Selbstverletzendes Verhalten und
  • Aggressives Verhalten gegenüber Pflegenden“ (Gottschalck 2007, S. 173)

Dies sind nur einige der Beobachtungen, die uns einen Hinweis darauf geben können, das etwas “nicht in Ordnung” ist. Des weiteren sind natürlich  Gefühle, die mit all dem verknüpft sind zu nennen und auch zu beobachten. Scham und Machtlosigkeit und das Gefühl des ausgeliefert seins.

Der viel genannte Zeitfaktor zählt hier nicht. Hier sind es kleine, häufig sogar schnelle Maßnahmen, die  Erleichterung verschaffen und Erfolg bringen und die nicht mehr bedürfen als einen achtsamen Blick auf die zu Pflegenden Menschen und einen Schluck zu Trinken,  das Anreichen eines Zahnputzbechers, das bereit legen der richtigen Materialien-, (damit der Kollege nicht erst das ganze Haus auf den Kopf stellen muss) oder ein Griff zum Kugeltupfer um die Zunge zu befeuchten zur rechten Zeit.

Es ist eine Überlegung wert, sich selbst einmal die Fragen zu stellen, an welcher Stelle man das nächste Mal zu entsprechenden Maßnahmen greift, um Erleichterung zu verschaffen, anstatt vorbeizuschauen, an einer Sache, die für uns nicht Pflegebedürftigen zur normalsten Sache der Welt gehört.

 

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